Abfahrt. Irgendwohin.

Kurzgeschichte

Die Frau stand an der Reling des weitläufigen Schiffes und schwenkte ein weisses Taschentuch in der Luft. Ihr schlichtes, dunkles Kleid flatterte im Gegenwind und umspielte keck ihre dünnen Beine. Ein Sommerhut beschattete ihr Gesicht, sodass man kaum die Züge erkennen konnte. Nun aber fasste sie mit ihrer linken Hand nach der Strohkrempe und zog sich den Hut mit einer zaghaften Bewegung vom Kopf. Das Gesicht kam zum Vorschein, und mit ihm ein Ausdruck, welchen man dem feinen Wesen gar nicht zugetraut hätte. Kummer lag in den Mundwinkeln, welche leicht nach unten gebogen waren. Die Wangen waren blass und die gelockten Haare fielen ihr melancholisch in die Stirn. Und die Augen erst. Sie erzählten von der Ungewissheit dieser, ihrer Reise. War es die richtige Entscheidung gewesen?
Man stelle sich nun diese Frau erstarrt vor‚ auf ein Polaroid gedrückt, zweidimensional schwarzweiss. Ein vergilbtes Foto, durch dutzende Hände gewandert bis in die unterste Ecke eines Rollkoffers, eingewickelt in Zeitungspapier. Und darüber liegen ordentlich gefaltete Hemden, Strumpfhosen, Pullover und Röcke, ein paar zerlesene Bücher, Unterwäsche, Zahnbürste, Etui, Notizblock und Tabletten. Eine junge Frau zieht diesen Koffer ungeduldig hinter sich her, die schwarzen Haare schauen zerzaust unter ihrer gestreiften Wollmütze hervor. Sie schiebt sich eilig durch die Menschenmasse links und rechts von ihr und hält dabei den Coffe-To-Go-Becher geschützt vor der Brust, damit er nicht verschütte. Eigentlich braucht sie im Moment kein Koffein, denn ihr Herz pocht jetzt schon, als wollte es aus ihrer Brust springen. Aber ihr Körper hat sich schon dermassen an diesen herben, leicht rahmigen Geschmack gewöhnt, dass etwas in ihrer Hand fehlen würde, hätte sie ihn nicht gekauft.
Die Frau biegt nach rechts in einen Durchgang ab, der hinauf zu den Gleisen führt. Oben angekommen hält sie einen Moment inne. Gleis 8, ICE nach Irgendwo. Abfahrt 06:24. Die junge Frau öffnet nun den Reisverschluss ihrer Handtasche und kramt darin herum, bis sie ihr Ticket gefunden hat und steckt es anschliessend in die Seitentasche ihrer Weste. Ein paarmal nippt sie an dem brühend heissen Getränk in ihrer Hand, dann wirft sie den halbleeren Pappbecher in einen Mülleimer. Irgendwie passt es heute doch nicht. Heute. Denn heute ist alles anders. Wie mit Lupenglasaugen hat sie jedes Staubkorn auf den Dielentreppen des Elternhauses wahrgenommen, jedes Knarren erschien ihr unerträglich laut. Beim Hinausgehen schob sich der Himmel gerade unter der dunklen, nächtlichen Decke hervor und strahlte in einem zarten Blau auf sie nieder. Der Anblick nahm ihr für einen Moment den Atem. Dann aber besann sie sich auf ihren Weg und rollkofferte los, in richtung des Bahnhofs.
Der Zug fährt mit einem Geräusch von knirschendem Porzellan ein. Leute steigen aus, eine Traube bildet sich vor den Türen. Die junge Frau setzt sich langsam in Bewegung. 06:23. Jetzt ist es soweit. Bei jedem Schritt zieht mehr Gewicht an ihren Schultern. Die Knie zittern und es summt in ihren Ohren. Da hört sie seinen Schrei. Ihren Namen. Laut. Über den Lärm der Menschenmenge hinweg. Schnelle Schritte in ihre Richtung. Wieder ihr Name. Ihr Nacken versteift sich, denn sie will sich auf keinen Fall umdrehen. Schnell zwängt sie den Koffer auf den Zugboden und schwingt sich dann ebenfalls die kleine Treppe hinauf. Die Tür schlägt hinter ihr zu. Seine Stimme klingt nun gedämpft. Sie geht hastig weiter, durch die Fenster erkennt sie vage sein Gesicht, die vom Laufen verschwitzten Haare, der hilflose Ausdruck in den Augen, als er nach dem Türgriff langt, aber entsetzt feststellen muss, dass die automatische Verriegelung bereits vollzogen ist. Tränen steigen ihr in die Augen. Am liebsten würde sie wieder hinausstürzen, alle Aufbruchspläne über den Haufen werfen und ihn einfach in die Arme nehmen. Aber sie hat sich entschieden. Das alles muss endlich ein Ende haben. Die Abhängigkeit. Die Melancholie. Die Passivität. Das Unglücklichsein. Jetzt ist sie an der Reihe, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Sie steht da im Gang zwischen den Abteilen ans Fenster gelehnt und weicht den vorbeigehenden Reisenden aus. Sie hat da was. Als sie den Blick von seinem Gesicht löst, ihn vorsichtig über den Bahnhof gleiten lässt, und ihn schliesslich auf den Hügelkuppen ganz weit hinten, am Horizont hinlegt, da hat sie was. Da hat sie was von dieser Frau im dunklen Kleid, die auf dem Foto, mit Sommerhut, die da an der Reling stand und wartete. Auf die Abfahrt. Die Zukunft. Irgendwo.


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© 2013 - 2019 Sarah Altenaichinger