Gesten

Kurzgeschichte

Deine Hände vergraben sich in den Hosentaschen. Du blickst mich an. Oder nein, vielmehr ein kleines Stück unter meinen Augen fixierst du einen Punkt, deutlich Schutz suchend. Und ich weiss schon, dass du mir etwas sagen möchtest. Eigentlich weiss ich auch – mit wachsender Beklommenheit – was du mir sagen möchtest. Ich weiss, was diese verkrampfte Haltung nach oben gezogener Schultern und an den Körper gepresster Arme bedeutet. Ich kenne die Art, wie sich dein Mund zitternd verzieht und verzweifelt nach Worten sucht. Ich kann dich lesen. Wie ein Buch blätterst du mir deine Sätze hin, dabei sagst du gar nichts.
Du setzt dich hin. Auf den von Sonnenstrahlen erwärmten Rasen setzt du dich einfach hin, lässt mich allein oben stehn. Ich tue es dir nach, jetzt blickst du mich wirklich an. Deine Augen verraten den ihnen innewohnenden Kampf mit dir selbst, mit dieser Situation und plötzlich ist da ein neuer, mir bisher unbekannter Ausdruck: Distanz. Der Riss, der sich auftut brennt fürchterlich und haucht mir seine frostige Kälte entgegen. Du ziehst dir deine Jacke über und ich friere, trotz Mitte Juni.

„Alles hier….ist so grün.“, sagst du plötzlich und machst eine ausladende Geste. „Alles!“ Ich blicke umher, die Wiese leuchtet im eingefangenen Nachmittagslicht, dahinter Einfamilienhäuser, vorbeifahrende Busse, Spaziergänger. Am Rande blitzen die Wolkenkratzer mit facettenreicher Fassade. Der Himmel ist blau.
Aber ich weiss, was du meinst. Die Farbe an sich spielt keine Rolle. Es ist der Charakter der Farbe. Wenn man an sie denkt, ist sie eigentlich: schön. Frisch und unverblümt ist sie das Wappen der Hoffnung, des Friedens und Vorreiter des Frühlings. Eigentlich schön.
Aber andererseits so aufdringlich. Grell zwingt sie das Auge zu öffnen, kichert dir frech ins Gesicht. Ein So-Tun-Als-Ob. Mischfarbe, du.
Und fasst man die Welt zusammen. Legt man Tag und Nacht übereinander. Mischt man Eis und Sand, Feuerwehranzüge, Leitungswasser, den blauen Hyundai meines Vaters, das gelbe Plastikbesteck deiner kleinen Schwester, dann wächst an den Schnittstellen Gras empor, wuchert, klettert, überwindet. Am Ende ist alles grün. Am Ende.

Deine Fingerzeichen zeichneten mir die Welt, deine Gesten führen mich durch dein Wanderzirkus-Kopfgemälde. Sie sagen mir, was ich wissen muss. Und ich habe es schon vorher gewusst, bevor du deinen Kopf wieder mir zuwandtest und die brüchigen Worte beinahe im Flüstern untergingen: „Auch wir sind grün, Jonas. Es tut mir leid.“

Ich sass noch eine Weile. Dein gelber Minirock verschwand irgendwann im Getümmel der Weitläufigkeit, verschluckt. Ich sass da, speicherte das Sonnenlicht auf meiner Haut und hoffte im Dunkeln leuchten zu können. Vor geschlossenen Augen tanzten deine Hände.


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© 2013 - 2019 Sarah Altenaichinger